Tina entdeckt Berlin...




  Startseite
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 

http://myblog.de/tinaentdecktberlin

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Herr Dr. Hübner und ein Raum voller Egos

Als ich im Büro ankomme, erfahre ich, dass die Chefin krank ist. Na super. Soviel zum Thema spannende Sitzungswoche. Alle Termine für heute gestrichen, bedeutet für mich, dass ich zum D-Arzt kann.

Der Arzt in der Charité hat mir versprochen, mich an einen in Mitte, Nähe Bundestag zu überweisen. Ich verbringe 30min im Bus, um in den Osten Richtung Friedrichshain zu fahren. Vielen Dank.

Dort angekommen stelle ich fest, dass Berliner Damen in den 40ern wohl gerne mit sich selbst reden. Denn nicht nur unsere Sekretärin, sondern auch die Sprechstundenhilfe von Dr. Hübner plappert unentwegt vor sich hin. Und tut sich ziemlich leid. Furchtbar.

Gott sei Dank geht alles flott. Der Doktor kommt, witzelt über die Mainzer Witzischkeit. Ein Blick auf mein Knie, und der gute Mann, dessen Karriere wahrscheinlich in den 50ern ihren Zenit hatte, weiß genau was zu tun ist: Kühlen, Salbenverband, Schmerzmittel. Auf meine Bitte das Knie hinsichtlich des Meniskus einmal zu untersuchen, sagt er, er wolle das Knie nicht unnötig belasten. Ist klar, ne!? Also, lieg ich da, mit Kühlkissen auf'm Knie, bekomm eine Spritze und dann einen Verband, der, eh ich an der 200m entfernten Bushaltestelle bin, schon wieder runtergerutscht ist. Wenigstens komme ich rechtzeitig zurück um mit Jörg zur Menschenrechts-AG zu sprinten. Jörg war bei der Bundeswehr und hat einen entsprechenden Schritt drauf. Dank einer Schmerzmittelinjektion, die auch einen mittelgroßen Elefanten ruhig gestellt hätte, spür ich gar nichts mehr, und versuche Schritt zu halten.

Später am Nachmittag ist Fraktionssitzung. Die Sekretärin betont zum tausendsten Mal, dass alle total heiß sind da hin zugehen, und wie glücklich ich mich schätzen könne, dass sie mich angemeldet hat. Ich danke ihr zum tausendsten Mal und mache mich auf den Weg. Die Sitzung beginnt etwas verspätet. Vor mir sitzt ein Abgeordneter, der von Kopien eines 80er Jahre Spanisch-Schullehrbuchs, versucht die Zahlen zu lernen. Ich lasse meinen Blick schweifen. Politpromis gucken. Vorne sitzt Frau Merkel. Herr Kauder schwört die Fraktion auf den politischen Kurs ein. Dann erzählt Frau Merkel, welche Fortschritte wir in der EU machen. Nun geht es an die Berichterstattung zu anderen Themen. Wie sollte es sonst sein: Wenn soviele aufgeblasene Egos in einem Raum sind, da wird keine Ruhe gehalten. So kann sich ja keiner konzentrieren. Also schau ich lieber, was Frau Merkel da so macht. Überleg mir, warum keiner dem Pofalla sagt, dass seine Brille echt unvorteilhaft ist. Oder warum sich der ein oder andere in der Aussprache so profilieren muss. Ob ich diesen Teil des Geschäftes Politik jemals verstehen werde? Netzwerk bilden, in den Medien vertreten sein, Profil schärfen. Mal wieder sitze ich nur staunend da...

23.10.07 18:52


Weshalb Muttis sagen, dass man immer ordentliche Unterwäsche tragen soll...

...denn man weiß ja nie was passiert. Das Wetter in Berlin ist rau geworden. Als ich am morgen das Haus verlasse ist es klirrend kalt. Auch wenn mein Kollege meinte, ich bräuchte nicht so früh zu kommen, möchte ich keinen schlechten Eindruck machen. Also mache ich mich wie gewohnt in der Früh auf den Weg. Als ich die Langenscheidtbrücke überqueren will, merke ich, dass es sogar etwas glatt ist. Ich tipple also vorsichtig über die Brücke, an deren Fusse ich bemerke, dass ich mich jetzt doch etwas sputen sollte, wenn ich die S-Bahn noch bekommen wollte. Und kaum ist der Gedanke gedacht, legt's mich auch schon hin. An der Kreuzung stehen Leute und schauen, ob alles in Ordnung ist. Die Autofahrer an der Ampel gucken. Ich fluche vor mich hin und rappel mich auf: kein Blut, Hose noch ganz. Also weiter. Doch so einfach geht das nicht. Und erst gar nicht schnell. Ich verfluche die Lederschuhe. Das Kopfsteinpflaster. Das Wetter. Ich laufe wie auf Eiern - und das hinkend. Zugegeben, es muss schon witzig ausgesehen haben. Aber ich bin wütend. Natürlich verpasse ich die S-Bahn. Da hilft mir auch der nette Zeitungsverkäufer nicht weiter. Der freut sich, dass ich nicht nur schnell eine Zeitung kaufe, sondern heute mal 10min Zeit hab, muss schließlich auf die nächste Bahn warten.

Mir frieren fast die Füße ab. Trotzdem bahne ich mir meinen Weg zur Arbeit. Bei der Kaffeepause lasse ich dann mal kurz einfließen, was passiert ist, aber keinen interessiert's. Um 15Uhr mach ich Feierabend. Ich wurde überredet in die Charité zu gehen und alles checken zu lassen. Somit wäre dieser Punkt auf der Sightseeingliste auch abgehakt. Dort warte ich 3 Stunden. Mir knurrt der Magen. Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen. Aber bei dem Anblick der Menschen um mich herum, will ich mir auch nichts am Automaten ziehen. Mir gegenüber sitzt einer, der Kopf, Hemd und Anzug voller Blut hat. Gruselig. Der ist irgendwie ein bisschen durchgedreht. Ich versuch nicht hinzugucken.

Um 18:20 bin ich fertig. Nach einer dilettantischen Untersuchung, und einem noch unmöglicherem Röntgen werde ich wieder in den Behandlungsraum gerufen. Die Erkenntis: Mein Knie ist nicht gebrochen (Ach was!). Meine Kreuzbandplastik ist super verheilt (ist ja auch erst 8Jahre alt!). Ich weiß warum ich Krankenhäuser hasse. Und dass ich mir das hätte sparen können. Zu allem Überfluss muss ich jetzt morgen auch noch zum Durchgangsarzt. Als ob ich nichts besseres zu tun hätte. Außerdem werde ich krank geschrieben. Soll möglichst nicht laufen, mein Bein hoch legen und kühlen. Als ich die Klink verlasse, scheint das mit dem kühlen schon erledigt. Nicht laufen wird da schon schwieriger. Also, versuche ich an der Bushaltestelle herauszufinden, wie ich am besten nach Hause komme. Ohne S-Bahn, denn die ist zuweit weg. Das wird mich nochmal fast ne Stunde kosten. Im Bus erntet jeder der gegen mich stößt einen Blick der töten könnte. Auf dem Weg nach Hause hole ich mir ein Pizza (Frühstück, Mittagessen und Abendessen in einem um 19:45) und als ich im 5.Stock angekommen bin, beschließe ich den Tag aus dem Kalender zu streichen.

22.10.07 19:43


Busfahren in Berlin

Wer in Berlin in einen Bus steigt - sollte er es denn wagen, schließlich sind diese als furchtbar langsam verschrien, und die U- und S-Bahnen zu bevorzugen - der kann gleich was lernen. In der deutschen Hauptstadt ist etwas möglich, was in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt undenktbar wäre. Was vielen Landeshauptstädtern im Nachtverkehr nicht gelingen mag, funktioniert sogar bei Tage in der Bundeshauptstadt: Man steigt ausschließlich an der Fahrertür in den Bus, und ebenso ausschließlich an den hinteren Türen aus. Wenn man dann noch seine Monatskarte griffbereit hat, um sie beim Einstieg dem Fahrer zu zeigen, dann fährt man Bus wie ein Berliner.

Ein spezielles Berliner Busfahrerlebnis, ist eine Fahrt mit der Linie 100. Wer in die Linie 100 steigt, der will was geboten bekommen. Grundsätzlich ist die obere Etage des Fahrzeugs bis auf den letzten Sitz voll, weil man da ja so gut sieht und es für Provinzler so aufregend ist, in einem Doppeldeckerbus zu fahren. Unten tritt man sich leicht auf die Füße, und die Nicht-Berliner verrenken sich ob der weniger guten Aussicht. So ist das, in der Linie 100, Montags bis Sonntags, morgens oder abends. Das kommt nicht von ungefähr, schließlich preist jeder Reiseführer die Buslinie als beste Alternative zu Sightseeingbussen einerseits, und selber laufen andererseits. Der, der sich nicht vornehmlich zu touristischen Zwecken in Berlin aufhält, und ebenfalls in den Bus steigt (steigen muss), der bekommt auch was geboten. Nicht nur ist in der Linie 100 eine Vielfalt an Touristen zu bestaunen, nein! Es gleicht regelmäßig Szenarien eines Actionfilms. Da werden einem waghalsige Manöver geboten, da werden Pferdekutschen, Autos, Mopeds überholt, da setzt das Fahrzeug am Großen Stern auch gerne mal auf und schrammt den Kreisel durch am Boden, droht gar umzukippen. Die Touristen rufen gleich "ooooh!" und so stockt auch dem nicht-touristischen Berliner der Atem. Nicht zuletzt wegen der räumlichen Enge in dem völlig überladenen Bus, aber hauptsächlich doch wegen dem Geruch, den die mit offenen Mund staunenden Touristen, verströmen.

Da freut sich doch der nicht-touristische Fahrgast auf den nächsten Halt, wo er an der offenen Tür nach frischer Luft japsen kann. Was allerdings beruhigenderweise auch in der Hauptstadt nicht anders ist als anderswo, und speziell in solchen Situationen willkommen ist: Es gibt immer noch welche, die unvermögend sind, die Tür frei zu halten, damit diese automatisch schließen kann. So kommt man ein wenig länger in den Genuss der frischen Luft. Weiter geht die Fahrt, und da ja auch in Berlin keine Nerven geschont werden, gibt es auch in den Bussen der BVG Kinder und Jugendliche, die alle Fahrgäste an ihrem exquisiten Musikgeschmack teilhaben lassen wollen.

Die Busfahrer, die so wirken, als sei es die größte Strafe die Strecke der Linie 100 bedienen zu müssen, haben allerdings wenig Verständnis dafür. So wie der nicht-touristische Berliner, der ja nahezu im gesamten Bereich A mit der Masse an touristischen Berlinern kämpft und von deren Schlendern und Stehenbleiben behindert wird, gerade dem ist es kaum zuzumuten, dies auch noch zu ertragen. Also solidarisieren sich beide Gruppen, und über die Lautsprecher ertönt die Stimme des Busfahrers: "Is aber Schluß jetzte, mit der Disko dahinten, is det klar!? sonst könnt er gleich aussteijen, kamraden!" und ob der sofortigen Stille wirft der Fahrgast dem Fahrer einen dankbaren Blick zu. Dennoch steigt der nicht-touristische Berliner beim nächsten Halt aus, wohlwissend, das Schauspiel am nächsten Tag nach Feierabend, wieder erleben zu können.

15.10.07 18:15


Einfach mal über den Beckenrand gucken - und dann ab zum Wannsee!

Als ich aufwache, schau ich auf die Uhr und traue ich meinen Augen kaum. Es ist 8 Uhr in der Früh. So schnell stellt sich die innere Uhr also um. Ich nutze die Zeit um für meine Prüfung zu lernen, bevor ich mich um Mittag mit Nicole treffe. Sie ist endlich wieder in Berlin und wir verbringen den Tag zusammen. Erst gemütlich Kaffee trinken, dann den Ku'Damm entlang, über die Tauentzienstraße zum KaDeWe, wir essen gemeinsam und obwohl mir davon schlecht wird, geht es weiter zu den Friedrichstadtpassagen, ins Quartier 206. Somit hätte ich dann auch die Luxusecke Berlins abgearbeitet. Da Samstag ist, herrscht überall viel Betrieb. Hauptsächlich bin ich damit beschäftigt anderen Leuten auszuweichen, Touristen zu überholen, und Nicole davon abzuhalten ein viertes Paar Schuhe zu kaufen. Ich selbst bin von der großen Auswahl etwas überfordert und kann mich nicht entscheiden, also kaufe ich gar nichts. Ich gehe lieber in Ruhe einkaufen, in weniger touristische Ecken. Eigentlich habe ich mir von dem Treffen mit Nicole auch ein wenig Unterhaltung abseits der allseits bekannten Meilen erwartet, doch obwohl sie seit über einem halben Jahr in Berlin lebt, kennt sie scheinbar nur das, was jeder kennt. Das echte Leben scheint hier an ihr vorbeigegangen zu sein. Ich glaube, sie ist nie wirklich angekommen. Beim Kaffee zählt sie auf was alles furchtbar in Berlin ist. Und ich frage mich, ob es wirklich so wichtig ist, dass sich die Menschen in Frankfurt ja viel besser kleiden als hier.

Ich mag Berlin. Es ist anders. Und um das zu schätzen, darf man nicht nur auf sich, die eigene Art und Weise bestehen, sondern muss offen sein für diese Andersartigkeit. Denn nur dann kann sich diese unglaubliche Vielfalt, die einem auf allen Ebenen dieser Stadt begegnet, offenbaren. Auch wenn es in dieser Stadt unfassbar viele Touristen gibt, und scheinbar alles politisiert wird, und der Berliner an sich ja als schroff gilt, so gibt es hier so unendlich viel zu entdecken. Abseits von dem, was einem begegnet der nur in seiner eigenen Badewanne schwimmt. Wer hier glücklich werden will, muss den Mut haben weiter raus zu schwimmen. Also: Pack die Badehose ein... *träller*

PS: Dabei darf man auch ruhig ma's Bo aafasse, sich volltinte, und sollte nicht vergessen, dass Fische Freunde, kein Futter sind! Und wer den tieferen Sinn in diesem PS entdeckt, darf ihn behalten

13.10.07 18:13


Streik und Mein Weltbild wird der Realität angepasst

Heute ist Streik. Nicht von uns, sondern der GDL. Dass heißt: Es fahren keine S-Bahnen und ich muss mir irgendwie anders meinen Weg zur Arbeit bahnen. Passend dazu ist Nieselregen angesagt. Schmuddelwetter.

Dank frühem Aufstehen und tollen Busfahrern komme ich pünktlich. Im Plenum wird Afghanistan diskutiert. Da würde ich gerne hin, bin allerdings für die Veranstaltung "Pressefreiheit in Russland und Zentralasien" angemeldet. Die Chefin warnt mich schon vor, dass ich mit den Ohren schlackern würde, wenn ich hörte, was da abgeht. Ich bin gespannt, hole mir einen Kaffee, nicht wissend, dass die Empore geschlossen ist. Letztlich durften wir Praktikanten mit den den runden Tisch, und sehen ganz Business-like aus. Und ich mit meinem Pappkaffeebecher auf dem Tisch. Da steh ich drüber. Links von mir sitzt ein Abgeordneter, rechts von mir eine Praktikantin, die nur unter sich guckt und bloß nicht mit jemanden reden will. Also scherze ich ein wenig mit dem Abgeordneten. Doch das Thema der Veranstaltung ist alles andere als lustig. Es zeigt sich einmal mehr, dass man im Bundestag Informationen bekommt, die ich zuhause wohl eher nicht bekäme.

Ob ich das hier so alles wiedergeben darf, weiß ich nicht. Daher umreiße ich das Thema nur knapp, obwohl ich das, was ich dort gehört habe am liebsten detailgetreu wiedergeben und eine richtige Abhandlung darüber schreiben würde.

Die Situation in der Region ist schockierend. Da sitzen Auslandskorrespondenten, die regelmäßig Morddrohungen bekommen, weil sie objektiv Bericht erstatten wollen. Sie erzählen, von Menschen die wegen eines Fotos zusammengeschlagen werden, von gleichgeschalteten Medien, die mindestens 50% gute Nachrichten senden müssen, denen aus dem nichts die Steuerfahndung auf den Hals gehetzt wird, alles wird getan um ihnen das Leben schwer zu machen. Passend dazu jährt sich gerade der Mord an Anna Politkowskaja und dennoch ist es irgendwie beruhigend und erschreckend zugleich, dass es immer noch Menschen gibt, die dort für Presse- und Meinungsfreiheit kämpfen.

12.10.07 18:04


Ergänzung: Plenarprotokoll, der lustige Teil

Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat - § 1591 BGB. Sie schauen ganz erstaunt, Herr Strässer. Das hört sich trivial an. Ich werde Ihnen gleich sagen, dass das gar nicht so trivial ist. "Mater semper certa est", haben schon die Römer gesagt. Ein Auseinanderfallen zwischen biologischer Abstammung und rechtlicher Mutterschaft kennt unser Recht nicht. Ich will im Moment die in Deutschland verbotene Leihmutterschaft und das damit zusammenhängende Problem ausblenden, dass durch In-vitro-Fertilisation extrakorporal in der Petrischale eine Eizelle befruchtet und dann einer anderen Frau implantiert wird. Gängigerweise kennen wir das Problem nicht.
Ganz anders beim Vater. Da finden wir nicht etwa die Regelung: Vater ist der Mann, der das Kind gezeugt hat. - Schön wär's. (Heiterkeit)
Vater kann nämlich erstens der Mann sein, der zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes mit der Mutter verheiratet ist - § 1592 Nr. 1 BGB -, oder der Mann, der die Vaterschaft anerkannt hat - § 1592 Nr. 2 BGB -, oder derjenige, dessen Vaterschaft gerichtlich festgestellt worden ist. Nun gibt es aufgrund des wissenschaftlichen Fortschritts treffsicherere Methoden zur Vaterschaftsfeststellung als diejenige, die der als Literat auftretende Landgerichtsrat a. D. aus Freiburg Ingo Iltis in seinem legendären Werk Die Dritte Grazie. Ungraziöse Verse zu Lasten der Justiz wie folgt in einem Schüttelreim formuliert hat.
Ich rezitiere die Ballade vom Schwängerer der Frau L.:
Ein Dreierteam Frau Langer schwenkte,
bis sie die Schritte schwanger lenkte.
Der Richter erst des längern schwankte,
wem es denn wohl zum Schwängern langte.
Er fand das Schwängeren gelungen
dem, der den Längeren geschwungen.
Der eben diesen Längern schwang,
bereute dann das Schwängern lang.
(Heiterkeit und Beifall)
Warum trage ich diese Ballade vor?
(Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Weil es sonst keiner kann! - Christine Lambrecht [SPD]: Zugabe!)
Sie dient nicht nur dem Amüsement des Auditoriums und zugegebenermaßen auch meinem eigenen - ich hätte mich nur schwer beherrschen können, Ihnen diese vorzuenthalten -, nein. (Heiterkeit)
Mit der Schaffung etwa molekularbiologischer Untersuchungen von Haaren, Speichel oder Blut - die klassische DNA-Analyse - ist zwar eine Methode gewonnen. Aber was nützt es denn dem rechtlichen Vater, dem Zahlvater - manche würden auch sagen: dem Dukatenesel -, wenn er das nicht geltend machen kann?
So ist es nach geltendem Recht. Versuchen Sie einmal, diese gesetzliche Vermutung - praesumptio iuris - zu erschüttern! Ich habe das schon mehrmals gesagt; das kann man gar nicht oft genug sagen:
(Heiterkeit - Jerzy Montag [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN]: Sie haben es schon öfters versucht!)
Ein Ehemann kann im Grunde genommen seine Vaterschaft nur anfechten, wenn er nach zwölf Monaten Abwesenheit auf einer Bohrinsel in Alaska zurückkommt und seine Frau ihn mit einem dunkel pigmentierten Säugling auf dem Arm empfängt. Alle anderen Hürden sind viel zu hoch. Frau Lambrecht, Sie haben vorhin gesagt, die Hürden sind viel zu niederschwellig. Jetzt sind sie viel zu hochschwellig. (Heiterkeit)
Ich will Ihnen den Fall nennen, mit dem sich das Bundesverfassungsgericht befasst hat und der dazu geführt hat, dass wir aufgerufen sind, bis zum 31. März nächsten Jahres eine neue Verfahrensart zu finden. Im Jahr 1994 hat der Beschwerdeführer die Vaterschaft für ein Kind seiner Lebenspartnerin, mit der er zusammengelebt hat, anerkannt. 1997 kamen die ersten Zweifel. Ein Urologe hat ihm bescheinigt, dass seine Zeugungsfähigkeit auf 10 Prozent reduziert ist. Der Bundesgerichtshof hat ihm erklärt: Eine 10-prozentige Zeugungsfähigkeit begründet keinen durchgreifenden Zweifel gegen die Vaterschaft.
Derselbe Mann geht anschließend mit dem Kaugummi des Kindes zu einem privaten Genlabor und macht den Test. Der Arzt sagt ihm: Ein jeder ist der Vater, du nicht. - Der Mann sagt sich: "Jetzt hab ich's!" und geht wieder zum Familiengericht. Diesmal sagt der Bundesgerichtshof: Das mag ja alles sein. Nur, das Ergebnis dieses Gutachtens können wir nicht zu Beweiszwecken verwerten. - Dafür hätte ich noch Verständnis. Aber es hat auch nicht gereicht, um die Plausibilität seiner Darlegung, nicht der Vater zu sein, zu begründen. Die Figur des informationellen Selbstbestimmungsrechts, die vom Bundesverfassungsgericht im Volkszählungsurteil in den 80er-Jahren erfunden worden ist und uns allenthalben begegnet, führt wieder einmal dazu, dass verhindert wird, dass dem materiellen Recht zum Durchbruch verholfen wird.
Deswegen haben nicht nur Sie, Frau Leutheusser-Schnarrenberger, im Januar 2005, sondern auch ich am 11. März 2005 von dieser Stelle hier in der mir eigenen Bescheidenheit schon einmal gefordert: Wir brauchen neben dem Anfechtungsverfahren mit seinen formell und prozedural hohen Anforderungen ein Verfahren, um einfach festzustellen, ob man der Vater ist.
Der Grund ist doppelt sinnvoll: Wenn nämlich die Vaterschaft feststeht, ist Ende, und er sagt: Ich war mal wieder ein bisschen eifersüchtig. Gott sei Dank, alles in Ordnung. - Wenn er erfährt, er ist nicht der Vater, kann er sagen: Der Junge sieht zwar aus wie der Briefträger, aber er ist ein netter Kerl. (Heiterkeit)
Er ist mir irgendwie ans Herz gewachsen. Ich will unsere soziale Bindung nicht kappen und verzichte auf ein Anfechtungsverfahren. - Dazu muss er aber die Möglichkeit haben. (Heiterkeit)
Zum Abschluss komme ich zu der nachdenklichen Frage, ob mit der Schaffung dieses dualen Verfahrenswegs - einmal lediglich Feststellung der Vaterschaft und zum anderen das sich eventuell anschließende Anfechtungsverfahren - der sogenannte heimliche Vaterschaftstest, der besser diskreter Vaterschaftstest heißen sollte, obsolet wird. Das wage ich zu bezweifeln. Wie soll sich der Vater, der sich mit Zweifeln über seine Vaterschaft quält, einen sichereren Eindruck vermitteln, ohne es an die gerichtliche Glocke zu hängen? Er kann erst einmal zu einem privaten Labor gehen und fragen: Bin ich's oder bin ich's nicht? - Wenn er nicht der Vater ist, ist außer Spesen nichts gewesen. Aber wenn man erst in der Familie den Zweifel anmeldet oder gar zum Familiengericht wieselt - da bin ich mir ziemlich sicher -, ist der Familienfrieden ruiniert. Um das zu verhindern, muss man, glaube ich, mit diesem diskreten Vaterschaftstest noch rechnen.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

11.10.07 16:55


Von Mobilfunkmasten, Herrn Röttgen und dem BundestagsTV

Statt zu einer Veranstaltung am Morgen zu gehen, trägt mir Florian eine Recherche über Gesundheitsgefährdungen durch Mobilfunkmasten auf. Mit der Verbringe ich Stunden. Die rechtliche Regelung, Grenzwerte, Gutachten pro und contra Kausalzusammenhänge mit Krankheitsbildern.

Die Chefin scheint heut ein wenig angespannt. Sie hat später Redezeit im Bundestag. Am Dienstag in der Arbeitsgruppe Recht hat der Vorsitzende schon angekündigt sich mit ihr die Zeit zu teilen. Sie ist für die Fakten zuständig, er übernehme den unterhaltsameren Teil. Ich freue mich schon im Reichstag die Debatte zu hören, bis die Sekretärin mich darauf hinweist, dass sie mich für eine Diskussionsrunde mit dem parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU Fraktion angemeldet hat. Und da ich mein Passwort nicht dabei habe, kann ich mich dafür auch nicht mehr abmelden. Ich bin ein wenig genervt, gehe mal wieder alleine essen und laufe dann um den Block. Alles wieder gut.

Also, mach ich mich auf den Weg in den Richstag, nicht zur Chefin, sondern dem Oberchef, Herrn Röttgen. Bei ihm laufen alle Fäden seiner Fraktion zusammen. Die anfängliche Freude meinerseits, pünktlich zu sein, und mich auf dem unterirdischen Weg nicht verlaufen, sowie den richtigen Aufzug gefunden zu haben (denn nicht alle Aufzüge fahren zur Fraktionsebene) verfliegt langsam. Herr Röttgen verspätet sich um eine viertelstunde und die Praktikantin neben mir ignoriert meine Versuche mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Zurück im Büro, finde ich die wissenschaftlichen Mitarbeiter vor dem Bundestags-TV. Sie haben die Diskussion zur FGG Reform inklusive der Rede der Chefin verfolgt. Ich komme gerade rechtzeitig zur Rede von Herrn Gehb und behaupte, dass seine Rede der Höhepunkt in Sachen Unterhaltung sei. Während die Mitarbeiter grübeln, wie er sich mit Narrekapp in de Bütt machen würde, denke ich mir, dass mehr Originale wie er, sicher der Politikverdrossenheit in Deutschland entgegenwirken könnten. Manche mögen es populistisch nennen, andere eine vermeindlich fehlende Seriosität bemängeln, und dennoch ist er offen und geradeweg. Übrigens: eingefleischte Gehb Kenner, lauern auf die obligatorischen lateinischen Floskeln, die er gerne mal einfließen lässt. Ich sollte mich u.U. informieren, ob es schon einen Fanclub gibt.

11.10.07 15:47


 [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung