Tina entdeckt Berlin...




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Kleidung, politische Statements und ein blinder Passagier auf der Zuschauertribüne

Der Tag beginnt mit der Sitzung des Rechtsausschuss. Die Ausschüsse stellen ein Spiegelbild des Plenums dar, im Gegensatz zu den gestern besuchten Arbeitsgruppen, die fraktionsintern sind. Entsprechend ist auch das politische Verhalten. Ich sitze mit rund 25 anderen Praktikanten und Bundesratsvertretern (den Reservierungsschildern auf den Klappsitzen zufolge) auf der Empore. Die anderen scheinen schon alte Hasen zu sein, die haben Zeitung und Kaffee mitgebracht. Ich sitze da - bin ja noch Frischling - und beobachte das Geschehen unter mir.

Meine Chefin scheint sich zu langweilen --- alle Themen sind ja gestern schon durchgesprochen worden. Sie hat sich markiert welchen Anträgen zugestimmt wird, welche abgelehnt werden, und kann sich daher während der Ausschusssitzung anderen Unterlagen widmen. Doch erfahrungsgemäß, wurde ich zuvor belehrt, ginge es im Rechtsausschuss ganz flott. Im Gegensatz zum Menschenrechtsausschuß. Da werde viel mehr diskutiert. Und als ich am Nachmittag in einem anderen Raum auf der Empore sitze, stelle ich auch schon fest, dass sich nahezu jedes Mitglied des Menschenrechtsausschuss noch schnell vor Beginn der Sitzung mit Kaffee und Kuchen eindeckt. Während die Herrschaften noch bei dem mobilen Catering im Raum ansteht, läutet Frau Däubler-Gmelin mit ihrer Glocke (was ich schon ulkig finde) und bittet ihre Kollegen um Aufmerksamkeit, auch wenn sie noch am Kuchen kaufen sind. Als sie verkündet, dass die Sitzung nicht so lange dauern würde, weil man in zweieinhalb Stunden den Saal räumen müsse, kann ich förmlich die Erleichterung aller spüren - oder bilde ich mir das ein?

Nachdem alle irgendwann platz genommen haben, und die ersten Abstimmungen laufen, kann ich ziemlich schnell feststellen, wer welcher Partei angehört. Gegen alles stimmen die zwei Herren auf ein Uhr. Sie werden unterstützt von dem auf zwölf Uhr, der quasselt auch die ganze Zeit dazwischen und bringt Frau Däubler-Gemlin aus dem Konzept. Und im Zweifelsfall stimmen die, die ich nicht sehen kann, weil sie direkt unter mir sitzen, auch dagegen.

Ich werde nachdenklich und frage mich, wie anstrengend es sein muss, immer gegen alles zu sein, egal ob man es für sinnvoll hält oder nicht. Fraktionszwang wäre nichts für mich. Und dann dieses ständige Gezeter! Aber teilweise ist es richtig lustig.

Die Sitzung verläuft wegen Überschneidungen mit anderen Terminen nicht ganz wie geplant. Wir warten auf Sachverständige und Berichterstatter. Würfeln die Tagesordnung durcheinander, und nicht jeder scheint immer durchzublicken, über welchen Antrag gerade abgestimmt wird. Gut dass es da die Fraktionsdisziplin gibt.

Während wir warten schau ich mir auf der Empore die anderen Praktikanten und Mitarbeiter an. Kann man an der Kleidung erkennen, wer wo hingehört? Der eine, den hab ich schon öfters gesehen, der sieht aus wie ich mir einen Arbeitslosen im Osten vorstelle. Weniger die Kleidung (zu kurze Jeans, Sweatshirt), als sein Alter, das Verhalten und irgendwie war's ja auch klar, welchem Abgeordneten er zuarbeitet.

Ich find, und das meine ich völlig unpolitisch, der passt hier nicht rein. Klar, ich trage auch lieber Turnschuhe (dazu später mehr), und von mir aus muss es auch nicht jeden Tag Anzug sein, aber schließlich sind wir im Deutschen Bundestag. Da habe ich natürlichen Respekt vor. Deshalb kleide ich mich entsprechend, und verhalte mich ebenso. Das heißt ich sitz gerade, und lümmel nicht rum. Ich bin nett, freundlich, hilfsbereit und versuche soviel wie möglich zu lernen. Der Typ gammelt da rum, ist unrasiert und zeigt sich dermaßen gelangweilt, das versteh ich nicht. Ich komme mir im Gegensatz dazu wie ein kleiner Groupie vor. Ich find das alles superspannend.

Später recherchiere ich für die Chefin alles zur ALG I Debatte in der SPD. Um 16Uhr fragt sie mich, ob ich noch mehr zum Thema Birma hören möchte, dann würde sie mich "zu den Gästen ins Plenum schmuggeln". Ich hör nur Gäste, und denke, dass da sicher nicht auffällt, wenn ich schnell mal die Schuhe wechsele. Ich mag meine neuen schicken Schuhe, aber ich habe mir vier Blasen gelaufen, und jeder Schritt schmerzt. Am liebsten würde ich mir die kleinen Fußzehen abschneiden, da sie quasi eine einzige Blase sind.

Die Chefin und ich machen uns auf den Weg in den Reichstag. Wir sitzen im 4.Stock, und wollen den Aufzug nehmen. Doch der steckt auf unserem Stockwerk fest. Der Mann darin sitzt wortwörtlich im Glashaus, und jeder guckt ihn erstmal seltsam an. Vor dem Lift steht ein Polizist und erklärt uns, dass er da bestimmt schon 20 Minuten festsitzt. Wir nehmen dann die Treppe. Meine Füße danken mir den Schuhwechsel, trotzdem frage ich mich: Sind Sneaker ein politisches Statement? Während die Chefin wieder mit ihren Highheels kämpft, erkläre ich ihr den Grund für mein ungewöhnliches Schuhwerk, und sie versichert mir, dass das überhaupt kein Problem sei. Wir Frauen sind da solidarisch.

Als ich nachhause fahre, ist es dunkel. Ich habe heute mal den Bus genommen und sehe um eine Ecke das KaDeWe, hell erleuchtet, fast schon funkelnd. Da feiert heute die Gesellschaft das 100jährige bestehen. Am nächsten Abend sollte ich Bilder von Nadja Auermann, Franziska Knuppe und vielen mehr sehen, die strahlend im KaDeWe stehen, und im Interview erzählen, dass sie schon ihr Leben lang davon träumen, mal hier nachts eingeschlossen zu werden, und dass die Schwangerschaftspfunde ganz von alleine gepurzelt sind. Is klar, ne!?

10.10.07 18:29
 


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